Ausgewählte Projektbeispiele

“Stars and Cars” in Stuttgart

Am ersten November-Wochenende fand in Stuttgart der alljährliche Event “Stars and Cars” statt. Mit Lewis Hamilton und Mika Häkkinen. Allerdings ohne Formel-1 und ohne DTM-Titel für Mercedes. Das hatten wir bereits im August prognostiziert, obwohl McLaren-Mercedes damals noch alle Trümpfe in der Hand hatte.

Jetzt sind sie Fernando Alonso, den zweifachen (Renault-) Weltmeister, wieder los. Man hätte ihn nächstes und übernächstes Jahr auf der Ersatzbank parken können (Drei-Jahres-Vertrag), quasi als erzieherische Maßnahme. Schwierig war die Trennung vor allem deshalb, weil nahezu alle Sponsoren-Verträge, die McLaren letztes Jahr neu abgeschlossen hatte, an Alonso gebunden waren. Damals war noch nicht klar gewesen, ob Lewis Hamilton überhaupt (Formel-1-Rennen) fahren dürfe.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug hatte Alonso verpflichtet, sozusagen mit Nummer-1-Status, und dann kam Ron Dennis mit seinem “Ziehsohn” Lewis Hamilton, einem Youngster, der (als Nummer 2) gut zu einem Weltmeister hätte passen müssen. Diese Personalpolitik war allerdings eine, mittlerweile erkennbare, Konflikt-Umleitung zwischen Dennis und Haug: Wer, wie Mercedes, nur 40% Anteil am Rennstall hat, der kann eben nicht vollständig über die (Personal-) Strategie bestimmen. Dennis hält 15%, Mansour Ojjeh (TAG) ebenfalls 15% und die, weithin unbekannte, Mumtalakat Holding 30% der Rennstall-Anteile.

Was also tun? Interner Wettbewerb entstand nahezu zwangsläufig. Alonso gegen Hamilton, aber im Grunde genommen Haug gegen Dennis. Es mutet schon skuril an, dass man beim letzten Rennen in Sao Paulo nur ein Boxen-Team und zusätzlich einen neutralen Beobachter einsetzte, um “Chancengleichheit” zu gewährleisten. Wollte man sich auch gegen die Mercedes-Vorstände absichern? Sie hätten beim Engagement in der Formel 1 eine schöne Spielwiese für den KVP (Kontinuierlicher Verbesserungs-Prozess), aber auch für Strategie und Taktik.

Denn jedes Formel-1-Jahr hat Projekt-Charakter: Klare Ziele (Fahrer- und Konstruktions-Weltmeister, Image-Gewinn, Technologie-Transfer und evtl. Geld verdienen über geeignete Sponsoren). Mithin strategische Ziele.

Welches sind die Teilprojekte?

Motor: Von Mercedes, absolut standfest und leistungsfähig (2076 von 2130 möglichen Rennrunden, neuer Zuverlässigkeitsrekord!)

Chassis: Von McLaren, kein anderes Auto “schluckte” Randsteine so gut.

Aerodynamik: Von McLaren, unspektakulär, allerdings “stiegen in lang gezogenen Kurven die Reifentemperaturen zu stark an” (McLaren-Direktor Martin Whitmarsh).

Fahrer: Alonso und Hamilton absolut erstklassig, allerdings wohl nicht “abgebrüht” genug für interne Konflikte.

Elektronik: Mit spielentscheidend, ein Defekt, allerdings mit Selbstheilung, kostete Hamilton im letzten Rennen 28 Sekunden. Für 2008 als Einheits-Elektronik, pikanterweise von MES (McLaren Electronic Systems), wobei die anderen Teams keinen Zugang zur Quell-Software erhalten sollen.

Reifen: Seit diesem Jahr wegen Bridgestone-Einheitsreifen weniger relevant, wenn man sie rechtzeitig tauschte. Der Reifen verlangte jedoch gefühlvolles Fahren, weil er nur schwer Quer- und Längskräfte gleichzeitig verkraften konnte. Alonso hatte sich, wie andere Fahrer auch, in Zeiten des “Reifenkriegs” mit Michelin einen aggressiven Fahrstil angewöhnt, der mit der klassischen Ideallinie nicht mehr viel gemein hatte.

Team: “Bei bis zu 1.000 Angestellten verliert man die Kontrolle über den Einzelnen” (Renault-Teamchef Flavio Briatore). Wenn der Teamgeist, auch durch internen Wettbewerb zu sehr belastet wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich der Datentransfer, wie z. B. von Ferrari zu McLaren, pikanterweise aber auch von McLaren zu Renault, in den bis zu neun Ingenieure verwickelt sein sollen, zu einer Seuche zu entwickeln droht, “die ähnlich schwer in den Griff zu bekommen sein wird, wie das Doping im Radsport”. (auto, motor und sport, Heft 24, S. 195)

Marketing: Nicht immer ist es sinnvoll, das neue Auto einschl. Fahrer als Erster der Presse und auf der Rennstrecke vorzustellen. Eigentlich müsste man möglichst lange die Komponenten entwickeln. Einem Motor genügt zunächst ein geeigneter Motoren-Prüfstand. Renault hatte das letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen (und wurde Weltmeister), dieses Jahr stellten sie ihr Fahrzeug (zu) früh vor. Die Informationspolitik und die Kommentare der Teamchefs und Fahrer entsprechen nicht immer den Grundsätzen erfolgreichen Marketings. Proteste tun ihr Übriges, um als “Spielverderber” oder schlechter Verlierer dazustehen.

Taktik: Stallorder hin oder her, natürlich muss ein Team die Anzahl der Tank- und Reifenwechsel-Stopps auf zwei Fahrer und die externen Wettbewerber abstimmen, die eigentliche Leistung besteht darin, während eines Rennens die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber wer entscheidet bei McLaren-Mercedes: Der Team-Chef oder der Mercedes Motorsport-Direktor? Und nach welchen Prioritäten wird entschieden? Sind einzelne Renn-Siege wichtiger als der Gewinn der Weltmeisterschaft? Ist der Konstrukteurs-Titel mehr wert als der Fahrer-Titel?

Hier fehlt es an der Strategie-Vorgabe, und die muss von “ganz oben” kommen. Es könnte so einfach sein, wenn man nur könnte. Aber mit 40% Anteil am Team kann man eben nicht wirklich. Und deshalb kann man Ron Dennis als Teamchef so lange nicht ersetzen, wie die anderen “Investoren” zu ihm stehen. Vielleicht gelingt es, den Anteil auf über 50% zu erhöhen, zumal die Rendite der Investoren wegen der 100 Mio. $ Strafe dieses Jahr etwas gering ausfallen dürfte.

Ein Neu-Anfang mit neuem Fahrer und neuem Motorsport-Direktor bzw. neuem Team-Chef wäre die (zwingende) Konsequenz. Diese Entscheidung können wir den Mercedes-Vorständen nicht abnehmen. Ein Ausstieg kommt wohl (noch) nicht in Frage?

Lassen Sie uns nach vorne blicken: Wer wird Formel-1-Fahrer-Weltmeister 2008?

Kimi Räikkönen. Der “Iceman”. Er ist einfach “sauschnell”, hat vor nichts Angst und kümmert sich nicht darum, was andere über ihn denken und schreiben. Ferrari-Chef Jean Todt erklärte in Brasilien: “Man muss Kimis Gefühle übersetzen!”

Auf diese Idee wäre McLaren-Mercedes nie gekommen. Aus deren Sicht trinkt und feiert Kimi zuviel.

Übrigens: Am Abend vor dem Formel-1-Finale in Brasilien ging Kimi Essen, raten Sie mal mit wem? Mit Fernando Alonso. Und beim Start überrumpelten sie beide den Rookie Hamilton. Den Rest kennen Sie.

Und wer wird Weltmeister 2009? BMW. Begründung folgt.