Ausgewählte Projektbeispiele

Wer hat Angst vor dem ERA-TV?

Hier handelt es sich nicht etwa um einen neuen Fernseh-Sender, ERA-TV steht für Entgelt-Rahmen-Tarif-Vertrag, eine neue Form der Mitarbeiter-(De-) Motivation.

Aber, am besten steigen wir ganz aktuell ein:

Wer glaubt, er könne Lok-Führer und “lebende Fahrkarten-Automaten” tariflich in die selbe Schublade stecken, nur eben etwas höher, ist töricht. Zum Glück wird der Nachname des weiblichen Personal-Vorstands der Deutschen Bahn nicht englisch ausgesprochen und auch Herr Mehdorn, der Ex-Druck-Maschinen-Macher, der Ergebnisse von vertraulichen Vier-Augen-Gesprächen mit Herrn Schell, GDL, schnurstracks an die große deutsche Zeitung mit den vier Buchstaben weiterleitet, hat sich als Verhandler nicht gerade mit Ru(h)m bekleckert.

In Japan werden die “Lok-Führer” der schnellen Züge wie Piloten bezahlt. Das finde ich gut, denn sowohl die Arbeitsaufgabe als auch die Verantwortung sind vergleichbar. Der Unterschied ist allerdings, dass die Lok-Führer regelmäßig noch Selbstmörder überfahren (müssen). Das könnte man, so zynisch es klingt, mit einer “Belastungszulage vergüten”.

Und deshalb rufen wir Herrn Schell zu: “Bleiben Sie standhaft, Sie haben die vernünftigen Bürger auf Ihrer Seite, auch wenn sie heute oder morgen nicht ganz pünktlich zur Arbeit kommen werden.”

Arbeitsgerichte, die mittlerweile für Kompromisse werben, dabei allerdings “Kuhhandel” betreiben, tragen nicht unmittelbar zur Entspannung der Situation bei. Ich kenne persönlich den Präsidenten a. D. eines Landesarbeitsgerichtes in den neuen Ländern, dem das Recht auf eine eigene Meinung regelrecht abhanden gekommen zu sein scheint. Vor lauter Anhörungen, Mediationen, Güteverhandlungen, Verfahrensfragen, Befangenheitsanträgen und insbesondere dem Verlust des GMV (Gesunder Menschen-Verstand). Deshalb sind Juristen auch überall so beliebt und werden überall gebraucht: Sie können einfach alles, unbeeinflusst von Sachverstand, Detail-Interesse und fundierter eigener Meinung, denn das würde sich ja beißen.

Über 25 Jahre haben Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften verhandelt, mit maßgeblicher Hilfe der Juristen auf beiden Seiten, mit Hilfe der Verbands-Ingenieure und Gewerkschaftler an der Basis. Und dann haben sie unterschrieben.

Im Sinne ihrer Mitglieder?

Wir hätten gewarnt sein müssen, denn die nahezu jährliche Show der Tarifverhandlungen mit Pressekonferenzen durch erschöpfte Verhandlungsführer mit übermüdeten Augen aber strahlendem Siegerlächeln auf beiden Seiten nach mindestens 20-stündigem Verhandlungsmarathon in “zweit-klassigen” Hotels soll uns immer wieder das Gefühl geben, dass hier, im Interesse der Mitglieder und Mitgliedsunternehmen, äußerst hart verhandelt wurde. Wer`s glaubt.

Das Kartell aus Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften hat es brilliant verstanden, uns einen Bären (keinen Berliner) aufzubinden: Abgesehen davon, dass es an Öffnungsklauseln nur so wimmelt, gibt es jetzt auch die Möglichkeit, dem Verband der Nichtmitglieder beizutreten und sich vor dem Arbeitsgericht trotzdem von den Juristen des Verbandes vertreten zu lassen.

In den letzten Jahren sind Milliarden von Euros durch das Kartell für Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose und sogenannte “Beschäftigungsgesellschaften” verbraten worden. Ganze Trainingsinstitute und “Bildungswerke” haben davon gelebt, Langzeit- und Jugend-Arbeitslose mit immer wieder den gleichen Seminaren zu malträtieren. Sie kamen dadurch zwar nicht wieder in Lohn und Brot, aber dafür die Trainingsinstitute und ARGEn. Und ab sofort wird ja nicht mehr zwischen Lohn und Gehalt unterschieden.

Kann es richtig sein, dass sich ein Verband im Wesentlichen über die Zinseinkünfte der Mitgliedsbeiträge seiner Mitglieder der letzten fünfzig Jahre finanziert? Was würde passieren, wenn es einmal wirklich zum Streik käme, würden dann kleinere Büros bzw. Autos für die Vielzahl der “Geschäftsführer” angeschafft? Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass der “Ideale Geschäftsführer” Voll-Jurist ist.

Ein echter Paradigmenwechsel?

ERA geht von der Prämisse aus, dass ein Arbeitnehmer (der ja eigentlich seine Arbeit gibt) eine Arbeitsaufgabe ausführt. Diese Arbeit wird über eine “Niveaubeschreibung” definiert, und zwar unabhängig, welches Niveau der Ausführende tatsächlich hat.

Wenn also z. B. ein fertig ausgebildeter Jet-Pilot nur Gapelstapler fahren kann, weil sein Arbeitgeber gerade alle Flugzeuge verkauft hat, dann bekommt er zukünftig eben nur noch das Gehalt eines Gapelstaplerfahrers. Pech gehabt. Ganz so schlimm ist es auch wieder nicht, auch wenn er sich als “Überschreiter” titulieren lassen muss. Er bekommt für eine Übergangszeit nur noch “weniger mehr”. Alles klar?

Daimler hat übrigens ca. 60% Überschreiter, das heißt, diese Arbeitnehmer bekommen zu viel Geld für das was sie machen (müssen). Dem Unterschreiter wurde dagegen in den letzten Jahren zu wenig bezahlt, er hat sozusagen einen Nachholbedarf.

Kritisch wird es jetzt, wenn die Führungskraft dem Mitarbeiter mitteilen muss (ERA-Eingruppierungsgespräch), ob er zu der einen oder anderen Kategorie zählt. Wobei die meisten Führungskräfte auch wieder “Überschreiter” sein dürften, denn die haben ja für das, was Sie (nicht) arbeiten bzw. leisten schon immer viel zu viel bekommen.

Und spätestens wenn es dann zur die Eröffnung der “Leistungsbeurteilung” durch die Führungskraft kommt, beginnt der Prozess der (De-)Motivation zu eskalieren. Denn der Topf für die variablen Gehaltsanteile ist nach oben gedeckelt. Und dann soll das Ganze auch noch “kostenneutral” abgewickelt werden. Was der eine gute Mitarbeiter, der sich vielleicht wehrt, mehr bekommt, muss dem anderen guten Mitarbeiter weggenommen werden.

Deshalb hat der DAIMLER dieses Projekt auch als Cost-Cutting-Programm angelegt (Die Daimler-Mitarbeiter hatten ja schon immer deutlich übertarifliche Lohntüten).

Warum schreiben wir das? Weil ERA wieder mal den typischen Versuch der Gleichmacherei perfektioniert. Und jetzt will es wieder keiner gewesen sein. Die juristischen Ein-und Widersprüche beschäftigen die Paritätischen Kommisionen, Schiedstellen und Arbeitsgerichte. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände werden wieder gebraucht!

Brauchen wir sie wirklich noch, vielleicht wegen der guten Show im Fernsehen? Ist hier nicht weniger mehr?

Wir von confidence werden bei dem Theater wohl nicht mehr lange mitmachen, höchstens wenn wir darin den Einstieg in einen Strategie-Prozess starten können, das wollen aber möglicherweise die Kunden nicht. Sie wollten doch nur mal ganz kurz und ganz schnell ERA einführen und müssen jetzt erkennen, dass die gesamte Unternehmenskultur massiv gefährdet wird.

Na ja, vielleicht können wir dann ja helfen, wenn wir Erfolgsaussichten sehen, was leider bei einigen Unternehmern und Geschäftsführern nicht immer automatisch gegeben bzw. gewünscht ist. Aber unsere Kunden können wir uns immer noch aussuchen.

Darauf sind wir stolz.