Querdenken
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VW und der Diesel-Betrug oder “Die Compliance-Steuerung”

Der Gedanke ist bestechend: Im Prüflauf haben wir astreine Werte, danach bis zu 40 Mal schlechteren (Schadstoff-) Ausstoß. Irgendwie erinnert mich das an den Unternehmensalltag. Sind die Wirtschaftsprüfer im Haus, muss alles stimmen, sind sie wieder weg, kommt eine andere (Unternehmens-) Steuerung zum Einsatz.

Ich bin auf Distanz zu Martin Winterkorn” sagte Ferdinand Piech, für viele überraschend, und dann war er weg, als Aufsichtsratsvorsitzender des VW-Konzerns, allerdings ungewollt. Anscheinend hat er den Machtkampf gegen seinen früheren Vertrauten verloren. Dr. Winterkorn möchte seine Vertragsverlängerung am 25. September 2015 vom Aufsichtsrat bestätigt bekommen, als Vorstandsvorsitzender des möglicherweise größten Automobilkonzerns der Welt. Das wird nun schwierig, vielleicht sogar unmöglich.

Fast 20% verlor die VW-Aktie gestern, am 21. September 2015, nachdem Winterkorn zugeben musste, dass der 2,0 Liter Dieselmotor in den USA vorsätzlich im Prüflauf bessere Abgaswerte vorgaukelt. Im Echtbetrieb erreichte er dann bis zu 40 Mal schlechtere Werte.

Institutionelle Anleger lassen Schadenersatzansprüche gegen den Volkswagen-Konzern prüfen. VW-Aktionären steht möglicherweise Schadenersatz in Milliardenhöhe zu, wenn das Unternehmen die Risiken zu lange verschwiegen hat, die durch Abgasmanipulationen entstanden sein könnten. Darüber hinaus ermitteln die Justiz in den USA und in Deutschland und prüfen strafrechtliche Konsequenzen.

Einzig die Politik in Deutschland hält sich bisher vornehm zurück. Wird hier Rechtssicherheit bzw. Gerechtigkeit auf dem Altar der Sorge um Arbeitsplätze geopfert? Kann man einem Chef-Lobbyisten wie Matthias Wissmann, ehemaliger Bundesverkehrsminister, seit 2007 Präsident des Verbandes der Automobilindustrie VDA, trauen, auch wenn er ein Toupet trägt? Er behauptet immer noch, der Diesel könne CO2-Emissionen reduzieren (was objektiv stimmt im Vergleich zum Benziner um bis zu 20%) und gleichzeitig Schadstoffe reduzieren (was nur mit hohem technischen Aufwand und damit häufig unwirtschaftlich gelingt). Immerhin ist jedes zweite Auto in Westeuropa ein Diesel, weil er verhältnismäßig wenig verbraucht und dazu (für Vielfahrer) steuerlich begünstigt wird.

Der Zielkonflikt für Entwickler und Konstrukteure besteht darin, dass, je sparsamer die Motoren ausgelegt sind, der Schadstoff-Ausstoß unter Last erheblich steigt. Andererseits steigen Verbrauch und damit CO2-Ausstoß, je sauberer die Verbrennung abläuft.

Übrigens ist auch die “moderne” Benzin-Direkteinspritzung, häufig mit Turboaufladung, betroffen. “Wenn der Treibstoff direkt eingespritzt wird, ist zu wenig Sauerstoff im Verbrennungsraum, und es kommt zur Rußbildung” sagt Lars Mönch vom Umweltbundesamt. Die Folge sei, “dass die auf Spritsparen getrimmten Direkteinspritzer-Benziner derzeit größere Luftverschmutzer sind als die Dieselmotoren.” Sie haben jedoch “Artenschutz” und benötigen – noch – keinen Rußfilter. Denn dann wird der Verbrauch zwangsläufig wieder steigen.

Kaum auszudenken was passiert, wenn die ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge wirklich aufgedeckt werden. Ich bin gespannt, wie sich der aktuelle Verkehrsminister Alexander Dobrindt in dieser Frage positionieren wird, sein (heimlicher) Chef Horst Seehofer ändert seine Meinung bekanntlich öfter. Und kommen Sie jetzt bitte nicht mit dem Elektro-Auto! Wir wissen ja noch nicht einmal, wie wir die Energiewende ohne die Berücksichtigung des Strombedarfs von Elektroautos schaffen sollen. Außerdem wird der Kohlendioxidausstoß von Elektroautos schöngerechnet, weil die Emission in den Kraftwerken derzeit in der EU nicht mitgezählt wird. Beim deutschen Energiemix (Kernkraft, konventionelle Kraftwerke, erneuerbare Energien) hat jedes Elektroauto heute einen höheren CO2-Ausstoß als ein moderner Diesel.

Machen wir uns nichts vor: Die Umweltstandards sind auch in den USA von Wirtschaftsinteressen geprägt. Die Grenzwerte für den Stickoxid-Ausstoß von Dieselmotoren für Pkw wurden 2007 derart verschärft, dass man von Protektionismus sprechen könnte. Möglicherweise wurde der in den USA genial beworbene “Clean Diesel” TDI für VW und Audi aus diesen Gründen manipuliert, wäre er mit aufwändigerer Abgasreinigung zu teuer geworden? Wir können nur hoffen, dass die deutschen Premium-Hersteller wie Mercedes und BMW nicht solche Tricks anwenden (müssen), but anyway, “VW bringt in den USA den Diesel in Verruf” zitieren die Stuttgarter Nachrichten vom 21. September 2015 eine dpa-Meldung. Nicht nur den Diesel, überhaupt “German Engineering“?

Ein paar Zahlen gefällig?

Bisher scheinen in den USA 482.000 Fahrzeuge betroffen. Die US-Umweltbehörde EPA ermittelt: Im schlimmsten Fall drohen Strafen von bis zu 37.500 Dollar, pro Fahrzeug. Das wären dann über 18 Milliarden Dollar Strafe. Dazu käme eine gigantische Rückrufaktion, um die Fahrzeuge nachzurüsten, wenn das technisch überhaupt möglich ist. Deren Kosten können und wollen wir derzeit nicht abschätzen. Und womöglich werden etliche Autos zurückgegeben (Wandelung, weil nachbessern nicht funktioniert bzw. weil der Wagen seine Allgemeine Betriebserlaubnis verliert und der Käufer sich vorsätzlich betrogen fühlt). Bei einem Eigenkapital des VW-Konzerns von 90 Mrd. Euro ist jetzt bereits absehbar, dass der materielle Schaden an die Substanz gehen kann. Zig Milliarden Euro für Investitionen werden fehlen, um Strafzahlungen und Sammelklagen, nicht nur in den USA, gerecht zu werden. Ist das der Preis für die Hybris Einzelner, oder steckt hier System dahinter? Der VW-Konzern, ein Familienunternehmen mit Staatsbeteiligung! Unter massiver Einbeziehung des traditionell mächtigen Betriebsrats, der jetzt von nichts mehr gewusst haben möchte.

Kaum zu glauben, dass, der für seine technische Detailverliebtheit bekannte, Winterkorn von den Manipulationen nichts wusste. Hat er sie vielleicht sogar initiiert? Oder mussten seine Entwickler tricksen, weil sie sonst wie in einer Diktatur verbannt worden wären? Der Führungsstil im VW-Konzern seit Ferdinand Piech trug nicht unbedingt dazu bei, ein Klima des Vertrauens und eine Fehlerkultur (Fehler machen / zugeben dürfen) zu schaffen, hier wurde mit Druck, psychologischem Druck und Zeitdruck, systematisch geführt. Und hierin liegt vermutlich auch die Ursache, da wir bisher wohl nur die Spitze des Eisbergs erkennen können. Schon früher wurde kolportiert: “VW ist wie Nordkorea ohne Straflager”. Nicht auszudenken, wenn dieses Führungsmodell tatsächlich dazu geführt hätte, weltweit die Nr. 1 unter den Automobilherstellern zu werden und zu bleiben.

Neben dem selbst verschuldeten materiellen Schaden kann sich der immaterielle Schaden überproportional auswirken. Die Marktanteile von VW und Audi waren schon vorher eher gering in den USA, verlieren sie jetzt ganz den Anschluss?

Der Autor hat an dieser Stelle am 5. August 2007 unter der Überschrift Warum der “Diesel” keine Chance (mehr) hat auf das Spannungsfeld zwischen dem technisch Machbaren und der Wirtschaftlichkeit von Diesel-Motoren hingewiesen, er möchte allerdings nicht als “Kassandra” tituliert werden! Sie war ja bekanntlich dazu verflucht, die Wahrheit vorherzusagen, die ihr aber keiner glaubte. Als Berater ist mir das schon einmal passiert, zum Glück wurde ich dafür nicht wirklich erdolcht bzw. mein Auto auf dem Firmenparkplatz noch nicht verkratzt 😉

Compliance heißt das Zauberwort. Wer dort seine Glaubwürdigkeit verspielt, riskiert seine Zukunft. Nicht nur in den USA. Wer weiß, ob die Diesel-Abgas-Steuerung nur in den USA manipuliert wurde, was ist mit Europa oder China? Darüber wollen wir lieber nicht nachdenken.

Was soll man davon halten, wenn die Familien Porsche und Piech als Mehrheits-Aktionäre des VW-Konzerns den Österreicher Hans Dieter Pötsch zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden (um Diskussionen bei einer möglichen Hauptversammlung zu vermeiden) per Gerichtsbeschluss durchsetzen wollen. Als Finanzvorstand trägt er möglicherweise Mitverantwortung für den Betrug, außerdem wird ihm vorgeworfen, Aktionäre und die Öffentlichkeit zu spät über den sich abzeichnenden Skandal informiert zu haben. Ist das glaubwürdig? Verstehen wir darunter Compliance?

Compliance beginnt bei uns selbst. Von der Geschwindigkeitsüberschreitung bis zur Steuererklärung, vom Ehevertrag bis zum Testament. Und immer wollen uns Juristen Glauben machen, dass sie uns dabei helfen können. Wir sind es gewohnt, unterschiedliche Steuerungsmodule wie einen Chip ein- und auszubauen. Als Führungskraft sind wir häufig anders gesteuert als wenn wir Ehepartner oder Mitglied im Verein sind. Wir haben gelernt, unterschiedliche Rollen zu spielen. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Spielregeln nicht zu sehr vermischen. Was im Handball notwendig und korrekt ist, wird im Fußball zum Foul. Jeder von uns hat dunkle bzw. blinde Flecken und wir tun gut daran, nicht alles aufzuwühlen und transparent bzw. öffentlich zu machen. In jedem von uns stecken Dr. Jekyll (Traumprinz) und Mr. Hyde (Misshandler), wenn wir uns z. B. das Thema häusliche Gewalt anschauen: Was ist besser? Wenn der Mann die Frau schlägt, und sie es öffentlich macht, oder die Frau den Mann, der vor lauter Scham mit niemandem darüber redet und daran zerbricht? Wo wird mehr Gewalt angewendet? Wenn das Kind einen Klaps auf den Hintern oder drei Tage Handyverbot bekommt? Auch im Straßenverkehr finden wir vielfältige Möglichkeiten, unsere Rollen auszuleben: Kompensation durch Druck aufs Gaspedal und Lichthupe oder der “Gutmensch”, der bei jeder Gelegenheit anderen den Vortritt lässt (und dadurch möglicherweise Auffahrunfälle provoziert). Zum Glück haben wir in Deutschland eine Typ-Steuerung, weil sich ein nicht unerheblicher Teil der Autofahrer auch über seinen Wagen definiert: Mercedes-Fahrer haben (eingebaute) Vorfahrt, BMW-Fahrer sind Raser, Cabrio-Fahrer extrovertiert und Porsche 911-Fahrer haben vielleicht Potenzprobleme. Für was steht der (undifferenzierte) VW-Fahrer, wenn der Audi-Fahrer für “Vorsprung durch (Schummel-) Technik” (übrigens auch bei den 24 Stunden von LeMans bzw. der Deutschen Tourenwagen Masters 2015) herhalten muss? So haben Vorurteile ihre Berechtigung, denn durch Vereinfachung erleichtern sie uns das Leben.

Wer mich kennt weiß, dass ich seit 26 Jahren BMW fahre und mich bevorzugt auf der äusserst linken Autobahnspur aufhalte. Einige Fahrertraininigs haben bisher meine Überlebenschancen erhöht, aber der Adrenalinschub, den ich früher beim Fallschirmspringen (bei Nacht mit Gepäck) bekam, fehlt eben. Vielleicht hilft mir ein Porsche 911, mit dem muss man nicht schnell fahren 😉

Wir müssen uns um ein Korrektiv bemühen, das uns, bei passender Gelegenheit, offen, ehrlich und vielleicht sogar schonungslos Feedback gibt. Damit meine ich nicht die Punktekartei in Flensburg.

FreundInnen aus der Jugend können sehr hilfreich sein, wenn man keine zu tiefen Wunden aufreisst. Oder KollegInnen, die einen ähnlichen Reifegrad haben und nicht im unmittelbaren Wettbewerb zu uns stehen. Oder ein Coach, der uns bisher gar nicht kennt, und der uns mit anerkannten Methoden analysiert und nach vorne bringt. PartnerInnen eignen sich wohl auch, solange es gelingt, thematische und persönliche Betroffenheit auszublenden. Aber wann gelingt das?

Wenn meine Partnerin zu mir sagte (ein Konjunktiv, der hoffentlich nie eintritt), “Ich bin auf Distanz zu Dir”, dann wüsste ich Bescheid. Sie ist so etwas wie ein Aufsichtsratsvorsitzender für mich.

Bei mir steckt jedenfalls nicht Ferdinand Piech dahinter.

 

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