Ausgewählte Projektbeispiele, Tour de France

Warum auch bei der “Tour de France” alle gedopt sind

Endlich haben sie sich geoutet bzw. sind nahezu überführt: Fahrer, (Team-) Manager, (Sport-) Ärzte, Funktionäre, Ehegattinen und -gatten. Noch nicht genügend erkannt bzw. beschuldigt sind die Veranstalter bzw. wir, die Zuschauer.

Aber Selbsterkenntnis ist bekanntermaßen der erste Schritt zur Besserung. Jawohl, ich gebe es zu, ich bin mitschuldig. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass die Veranstalter im Interesse des Zuschauers die einzelnen Etappen so gestalten, dass die Rennen spannend sind, dass Ausreißversuche meist erfolglos bleiben, dass die Taktik (un) durchschaubar ist, dass die Mannschaftsleistung mehr zählt als die Einzelleistung und insbesondere, dass der Veranstalter alles tut, um einen fairen Wettkampf zu gewährleisten.

Heute weiß ich, dass eine andere Strategie dahinter steckt: Die einzelnen Etappen haben etwa 20% Überlänge. Das ist wie im Kino, wo wir gewohnt sind, nach 90 Minuten ein “Happy-end” zu erleben. Dauert ein Film 108 Minuten, muss der Vordermann mal kurz auf Toilette (vielleicht zur Kontrolle?), der Nebenmann muss sich eine Zigarette anzünden (oder steckt sie sich zumindest vorsorglich in den Mund), unsere Partnerin schläft ein und der Hintermann ruft mit dem Handy den Babysitter an, dass es mal wieder etwas später wird.

Wir selbst spüren Glückshormone, weil sich unsere Partnerin sanft an unsere Schulter schmiegt und malen uns aus, wie schön es jetzt zu Hause auf dem Sofa wäre, mit einem Gläschen Champagner, einem großen modernen HDTV-Monitor und einer DVD aus der (virtuellen) Bibliothek.

20% sind eigentlich nicht so viel, aber wer gewohnt ist, ein Vier-Meter-Auto einzuparken, der hat bei Vier-Meter-Achtzig gelegentlich so seine Mühe.

Stellen wir uns vor, die Etappen der “Tour de France” seien 20% kürzer, die Berge in den Alpen 20% niedriger und die Abfahrten 20% flacher, wer würde dann noch Radrennen schauen? Genau das ist das Problem, besser gesagt die Ursache: Die Rennen sind mittlerweile so angelegt, dass sie ohne Doping gar nicht mehr bewältigt werden können. Warum tun wir dann so, als seien die Fahrer und ihre Helfer schuld? Haben wir nicht die Möglichkeit, auf die Veranstalter einzuwirken?

Ich schlage vor, wir schauen bei den nächsten Etappen die letzten 20% der Zeit einfach nicht mehr zu, wir küren unseren Sieger bereits nach 80% der Fahrstrecke. Wir müssten das den Fahrern natürlich mitteilen, sozusagen ein 80%-Ziel einführen und markieren. Ein 20% kleineres Teufelchen rennt die letzten Meter neben den Spitzenfahrern her und die Hostessen sind dann eben nur 80% so groß und attraktiv wie die im echten Ziel. Dafür küssen sie die Sieger nicht auf die Wange, sondern auf die Brust (der Fahrer selbstverständlich).

Was soll der Spaß, schließlich geht es hier um viel Geld, und 20% weniger Werbeminuten bzw. -einnahmen sind nicht gerade wenig. Die Deutsche Telekom müsste ihren Mitarbeitern 20% weniger Lohn und Gehalt bezahlen, allerdings auch bei 20% kürzerer Arbeitszeit.

Kriegen die das hin? Derzeit sieht es eher danach aus, dass 20% länger gearbeitet werden muss und dafür 20% weniger bezahlt wird. Dann stimmt die Rechnung wieder, zumindest bei der Telekom. Bei einer geplanten Ausschüttung von ca. 3,5 Mrd. € an die Aktionäre (einschl. Hedge-Fonds) ist die Einsparung von 500 Mio € bei den Mitarbeitern der Call-Center zwar nicht exakt vergleich-, aber trotzdem nur schwer nachvollziehbar. Deutschland im Jahr 2007.

Zurück zu Frankreich: Wir appellieren an die Vernünftigen des Radsports, die Rennen so zu verkürzen, dass auch ein ungedopter Fahrer gewinnen kann. Ohne schlechtes Gewissen.

Aber anscheinend sind wir alle gedopt.

Viel lieber schaue ich übrigens die Formel 1: Die Werbespots gefallen mir besser, das Doping der Autos wird regelmäßig überprüft und aufgedeckt, und die Fahrer trinken während des Rennens nur Wasser. Vermutlich habe ich aber einen kleinen Denkfehler: Auf nahezu jedem dritten Auto ist ein Bulle aufgeklebt, ein roter Bulle, der wegen der Internationalisierung bzw. Globalisierung in alle möglichen Sprachen übersetzt wird. Sogar ins Österreichische.

Und da sage einer, die Fahrer hätten nur Apfelsaft-Schorle oder Wasser in ihren Flaschen. Spätestens bei der anschließenden Pressekonferenz haben sie dann alle eine Flasche mit einem roten Bullen aufgedruckt. Und sie saugen an den Strohhalmen, um mehr Zeit für intelligente Antworten auf dumme Fragen von Journalisten zu haben. Oder war es umgekehrt?

Und deshalb wundere ich mich auch nicht mehr, dass junge Leute an der Tanke noch rasch einen “Sixpack” Roter-Bulle in Kombination mit einer Stange Deutsche Morlbara kaufen, bevor sie innerhalb einer Nacht von Deutschland nach Frankreich zur Tour de France oder zum F1-Grand Prix, und übermorgen dann wieder zurück, “geistern”.

Vor kurzem las` ich eine Auswertung über den Benzin- und CO2-Verbrauch eines durchschnittlichen F1-Grand Prix. Wenn es allerdings stimmt, dass durchschnittlich 1,8 Mrd. Zuschauer einen Grand Prix am Fernseher verfolgen, dann fahren die eben 90 Minuten nicht mit ihrem eigenen Wagen. Und verbrauchen auch keinen Treibstoff. Das ist eine gute Relation.

Bleibt eigentlich nur noch der Box-Sport. Da werden die Ranglisten der vier Weltverbände streng kontrolliert und im Ring gewinnt immer der Bessere.

Mit einer Ausnahme: Der “weiche Riese” Axel Schulz hat nur deshalb so deutlich verloren, weil er sein Baseball-Käppi nicht während des Kampfes tragen durfte. Und eins weiß ich sicher: Da war kein roter Bulle drauf. Da stand, zumindest bis vor kurzem “Zappelmann” drauf, weil er in Werbespots (u. a. für Flaschen- und “Dosen”-öffner) telegen seine grinsende “Rübe” in die Kamera hielt. Zur Zeit sehe ich ihn allerdings nicht mehr, wahrscheinlich weil seine Rübe zur “Matsch”-Birne mutierte (jetzt bewege ich mich schon auf dem Niveau von Oliver Kalkofe). Wer allerdings mitbekommen hat, welche Gage (Schmerzensgeld) er für seinen letzten (?) Kampf bekommen hat, muss neidlos anerkennen, dass er gar nicht so einfältig sein kann, zumindest scheint er gute (Marketing-) Berater zu haben. Chapeau!
Und spätestens jetzt wecke ich meine Partnerin auf dem Sofa und frage zärtlich, ob sie noch ein Gläschen Champagner haben möchte, bevor wir zu Bett gehen.

Gute Nacht, ehrlicher Sport. Ist es wirklich nur im Sport so?