Querdenken
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“Oben bleiben!”

Neulich beim Mittagessen: Der Produktionsleiter eines langjährigen Kunden im Fränkischen fragte mich schmunzelnd in lockerer Runde am Tisch, ob ich wisse, wer in Deutschland das schönste Zweitliga-Stadion baue. Bis dahin hatten mir die Rouladen mit Rotkraut und Kartoffelpüree ganz ordentlich geschmeckt. Wollte er mich provozieren, weil er annahm, dass ich als gebürtiger Stuttgarter automatisch VfB-Fan sei? Er konnte nicht wissen, dass ich, sozusagen als “Spätberufener” erst seit wenigen Jahren Mitglied des VfB Stuttgart bin. Nicht aus Überzeugung, sondern weil  VfB-Präsident Erwin Staudt so nett Reklame gemacht hatte, bei seinem Vortrag anläßlich der Gründungsveranstaltung des Arbeitskreises Heilbronn-Künzelsau im Internationalen Controllerverein eV (ICV) im Dezember 2005. Titel damals: “Balanced Scorecard beim VfB Stuttgart”. Mitte der 70-er Jahre war ich tatsächlich regelmäßig im damaligen “Neckarstadion”, allerdings als Ordner, um mir ein Paar Mark Spritgeld für meine Maico zu verdienen. Und wenn ich Glück hatte, konnte ich sogar das Spiel oder zumindest die zweite Halbzeit anschauen, wenn ich Pech hatte, musste ich irgendwelche Eingänge sichern ohne Sichtkontakt. Das war dann wie Radio, nur lauter.

Zurück zum Poduktionsleiter: Was wäre so schlimm am Abstieg in die zweite Liga? Der Club (der Nürnberger Würstchen) hat es schließlich mehrfach vorgemacht: Die Fan-Gemeinde ist umso treuer, je mehr Emotionen im Spiel sind, egal ob Jubel oder Trauer. Und zur Zeit hat der Club einen Lauf. Das freut mich. Wie sagte schon Heribert Fassbender seinerzeit in der Sportschau: “Man muss auch jönne könne!

Und da ich die Frage des Produktionsleiter “mit dem Beziehungsohr” gehört hatte, war mir sofort klar, dass er mir damit seine Solidarität und Unterstützung erklärt hatte. Deshalb machen wir an Samstagen, an denen der Club ein Heimspiel hat, keine Seminare oder Workshops für “seine” Firma. Und das gemeinsame Mittagessen schmeckt mir weiterhin.

Sorgen mache ich mir, weil das Motto der Überschrift für etwas ganz anderes steht: Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll oben bleiben. Endlich hatten wir in Stuttgart ein Thema, um täglich im Fernsehen präsent zu sein. Planfeststellungsverfahren hin oder her: Gelebte Demokratie in der Stuttgarter Metropole: Pfefferspray und Parkschützer, Wutbürger und Wasserwerfer, Widerstand und Kunst am Bau(zaun).

Jetzt wurde ich neugierig. Ich informierte mich, teilweise konnte ich die Schlichtungsverhandlungen mit Heiner Geißler im Fernsehen verfolgen.

Was steckt dahinter?

Aus Sicht der Stadt Stuttgart handelt es sich bei Stuttgart 21 um ein Immobilienprojekt. Es geht um Flächen, und damit eben auch um viel Geld. Und die Gegend um den Nordbahnhof war schon immer unschön. Aber so viel Geld für Stadtentwicklung? Warum nicht, wir müssen ja nur einen Bruchteil selbst bezahlen.

Aus Sicht des Bundeslandes Baden-Württemberg sieht es ähnlich aus: Viel Prestige für (vermeintlich wenig) eigenes Geld.

Aus Sicht des Bundes: Egal, die sollen nur machen im Südwesten, dann sind sie beschäftigt und machen weniger Ärger in Berlin.

Aus Sicht der Bundesbahn: (Zu) Viel Geld für ein einzelnes Projekt, es gibt schließlich andere Engpässe in Deutschland.

Verkehrspolitisch soll Stuttgart 21 einen Engpass beseitigen, den es gar nicht gibt. Im Gegenteil: Ohne (teure) Nachbesserungen, die erst in den Schlichtungsverhandlungen publik wurden, entstünden Engpässe, die wir heute nicht haben. Woher sollen wir das wissen?

Wir bei confidence haben gelernt, dass man (Groß-) Projekte sauber plant, rechnet, strukturiert und in definierten Phasen durchführt. Wir starten mit der Analysephase (Wo sind die wirklichen Engpässe?), machen uns in der Konzeptionsphase Gedanken über einen SOLL-Zustand, den wir (eventuell auf unterschiedlichen Wegen) erreichen können. Dann kommt die Testphase (im Sinne eines Modells/Simulation/Stresstest), bevor man mit der Umsetzung (oder dem Bau) beginnt.

Die Stuttgarter scheinen eine andere Vorgehensweise zu haben: Man plant, man rechnet schön, man strukturiert mit einem verdrehten Phasenmodell. Erst mal Tatsachen schaffen (Abriss Nordflügel, Bäume verpflanzen, Bürger nassspritzen etc.), dann aus der “Schlichtungsrunde” notgedrungen einen Stresstest (im stillen Kämmerlein) durchführen lassen und dann mit den nun erkannten Änderungen bzw. Ergänzungen und daraus resultierenden (Mehr-) Kosten weiterbauen. Man muss nicht studiert haben um zu erkennen, dass die geplanten Kosten zu niedrig angesetzt sind. Das hat Methode, denn nur so bekommt man Großprojekte in Deutschland durch. Wenn die Hälfte schon mal abgerissen oder vergraben ist, gibt es kein zurück, egal was es kostet. (Noch “eleganter” erleben wir derzeit den Bau der “Elb-Philharmonie” in Hamburg)

Wo ist die Alternative? Respekt, was in den Schlichtungsverhandlungen unter professioneller Moderation Heiner Geißlers innerhalb kurzer Zeit von den Stuttgart21-Gegnern entwickelt und plausibel präsentiert wurde. Mittlerweile weitgehend bekannt unter dem Titel K21. “K” für Kopfbahnhof. Leider werden die Ergebnisse dieser Schlichtung kleingeredet, teilweise sogar ignoriert.

Wie sind die Ausstiegs-Szenarien bzw. Ausstiegsgründe?

Stadt Stuttgart: Als größter Nutznießer plant man keinen Ausstieg, es sei denn, die (Mehr-) Kosten sind zu hoch und kein anderer bezahlt, dann eventuell K21.

Baden-Württemberg: Die (Mehr-) Kosten sind zu hoch und kein anderer bezahlt.

Bund: Die (Mehr-) Kosten sind zu hoch und kein anderer bezahlt.

Bundesbahn: Die (Mehr-) Kosten sind zu hoch und kein anderer bezahlt.

Woher kommen die Informationen über die erforderlichen (Mehr-) Kosten? Aus dem Stresstest.

Wann kommen die Informationen aus dem Stresstest? Voraussichtlich nach der Landtagswahl.

Dadurch wird die Landtagswahl auch eine Abstimmung für oder gegen Stuttgart 21. Das hatte man eigentlich vermeiden wollen. Um oben zu bleiben, in der Parteienlandschaft.

Der Ministerpräsident des Landes spürt, dass er sich möglicherweise “verzockt” hat. Er ist dünnhäutig geworden, der Stuttgarter Oberbürgermeister hat das schon zu spüren bekommen. Dabei müssten beide eigentlich (nicht nur wegen des Parteibuchs) gemeinsam in die gleiche Richtung ziehen oder schieben. Nach oben!

Was braucht Baden-Württemberg?

Wir brauchen weder schwarz-gelb, noch rot(-rot)-grün. Wir brauchen einen neuen Ministerpräsidenten, der schwarz-grün die Probleme des Landes in vernünftigen Kompromissen löst. Der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger war nach der letzten Landtagswahl schon einmal kurz davor, dann wurde er “zurückgepfiffen”. Vom damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus. Das hat er jetzt davon. Wer sich vor der Wahl systematisch alle anderen Optionenverbaut” (außer schwarz-gelb), der braucht nach der Wahl einen Rettungsfallschirm: Mappus hat noch einen Arbeitsvertrag bei Siemens, der derzeit ruht!

Querdenker behaupten, man könne für eine Legislaturperiode als Landesregierung auch das Stockacher Narrengericht einsetzen. Das hat gerade den ehemaligen Außenminister Frank minus Walter Steinmeier verurteilt. Die Wirtschaftskraft des Landes Baden-Württemberg wird jede Landesregierung überleben, warum also nicht experimentieren? Das ist mein persönliches Ausstiegsszenario. Ich habe übrigens Briefwahl beantragt, weil ich mich am Wahlsonntag außerhalb meines Wahlkreises aufhalten muss. Bei einer ganztägigen Wahlparty im Badischen. Die hatten schon immer eine kritische Distanz zur Landeshauptstadt.

 

 

2 Comments

  1. Hallo Herr Hergenrüde,
    zunächst einmal Gratulation für Ihr gelungenes Pseudonym und danke für Ihren Kommentar. Ich habe mich wohl unklar ausgedrückt. Sie sollten eigentlich auf dem “Beziehungsohr” vernehmen, dass ich damit eine fränkische Spezialität gelobt habe. Das hat nichts mit (möglicherweise unterschwellig) empfundenen “armen Würstchen” zu tun. Oder bricht bei Ihnen gerade der latente Konflikt zwischen Nürnberg und Erlangen auf? Mit Erlanger Würstchen habe ich übrigens wirklich schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht! Heute Abend bin ich um 18:00 Uhr im Steakhaus Sanders in Nürnberg verabredet und könnte vorher noch kurz bei Ihnen zum Haarefärben vorbeischaun.
    Was halten Sie davon?

  2. Locke says

    Bei allem Respekt vor Ihrer Meinung Herr Linsenrruether:
    Aber die Formulierung: “Der Club (der Nürnberger Würstchen)…” muss doch nun nadch dem 5:0 vom Wochenende korrigiert werden.

    Der Hüter der Fränkischen Seele

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