Querdenken, Tour de France
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Wir dopen alle (auch bei der Tour de France)

Selbsterkenntnis ist bekanntermaßen der erste Schritt zur Besserung. Jawohl, ich gebe es zu, ich bin mitschuldig. Ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass die Veranstalter im Interesse des Zuschauers die einzelnen Etappen so gestalten, dass die Rennen spannend sind, dass Ausreissversuche meist erfolglos bleiben, dass die Taktik (un) durchschaubar ist, dass die Mannschaftsleistung mehr zählt als die Einzelleistung und insbesondere, dass der Veranstalter alles tut, um einen fairen Wettkampf zu gewährleisten, insbesondere beim Thema Doping.

Vermutlich sind wir alle gedopt. Was stört uns daran mehr: Dass wir unserem Körper schaden oder dass wir uns nicht an die Regeln halten? Ist es nicht spannender, zu erfahren, wer wieder einmal des Dopings überführt wurde, als wer die Etappe, das Rennen, Spiel oder den Wettkampf gewonnen hat? Claudia Pechstein hat es erwischt und bei dem sympathischen österreichischen Gewichtheber mit deutschem (Ex-DDR) Trainer würde es auch (nicht wirklich) überraschen.

Heute weiß ich, dass bei der Tour eine andere Strategie dahinter steckt: Die einzelnen Etappen haben etwa 20% Überlänge. Das ist wie im Kino, wo wir gewohnt sind, nach 90 Minuten ein “Happy-end” zu erleben. Dauert ein Film 108 Minuten, muss der Vordermann mal kurz auf Toilette (vielleicht zur Kontrolle?), der Nebenmann muss sich eine Zigarette anzünden (oder steckt sie sich zumindest vorsorglich in den Mund), unsere Partnerin schläft ein und der Hintermann ruft mit dem Handy den Babysitter an, dass es mal wieder etwas später wird.

Wir selbst spüren Glückshormone, weil sich unsere Partnerin sanft an unsere Schulter schmiegt und malen uns aus, wie schön es jetzt zu Hause auf dem Sofa wäre, mit einem Gläschen Champagner, einem großen modernen HDTV-Monitor und einer DVD aus der (virtuellen) Bibliothek.

20% sind eigentlich nicht so viel, aber wer gewohnt ist, ein Vier-Meter-Auto einzuparken, der hat bei Vier-Meter-Achtzig gelegentlich so seine Mühe.

Stellen wir uns vor, die Etappen der “Tour de France” seien 20% kürzer, die Berge in den Alpen 20% niedriger und die Abfahrten 20% flacher, wer würde dann noch Radrennen schauen? Genau das ist das Problem, besser gesagt die Ursache: Die Rennen sind mittlerweile so angelegt, dass sie ohne Doping gar nicht mehr bewältigt werden können. Warum tun wir dann so, als seien die Fahrer und ihre Helfer schuld? Haben wir nicht die Möglichkeit, auf die Veranstalter einzuwirken?

Ich schlage vor, wir schauen bei den nächsten Etappen die letzten 20% der Zeit einfach nicht mehr zu, wir küren unseren Sieger bereits nach 80% der Fahrstrecke. Wir müssten das den Fahrern natürlich mitteilen, sozusagen ein 80%-Ziel einführen und markieren. Ein 20% kleineres Teufelchen rennt die letzten Meter neben den Spitzenfahrern her und die Hostessen sind dann eben nur 80% so groß und attraktiv wie die im echten Ziel. Dafür küssen sie die Sieger nicht auf die Wange, sondern auf die Brust (der Fahrer selbstverständlich).

Dieses Jahr werden ARD und ZDF die Tour täglich mit 60-minütigen Tour-Magazinen begleiten, jeweils zur Hälfte aus der Übertragung der Etappenfinale, also der letzten 10%, und Interviews mit Hintergrundberichten (zum Thema Doping?). Letztes Jahr hatte es bei den “Öffentlich Rechtlichen” noch geheißen, ganz auf Livebilder verzichten zu wollen. Eurosport wird wieder live berichten, die müssen sich schließlich über Werbeeinnahmen finanzieren. Und da gelten andere Regeln.

Zurück nach Frankreich: Wir appellieren an die Vernünftigen des Radsports, die Rennen so zu verkürzen, dass auch ein ungedopter Fahrer gewinnen kann. Ohne schlechtes Gewissen.

Viel lieber schaue ich übrigens die Formel 1: Die Werbespots gefallen mir besser, das Doping der Autos wird regelmäßig überprüft und aufgedeckt, und die Fahrer trinken während des Rennens nur Wasser. Vermutlich habe ich aber einen kleinen Denkfehler: Auf nahezu jedem zweiten Auto ist ein Bulle aufgeklebt, ein roter Bulle, der wegen der Internationalisierung bzw. Globalisierung in alle möglichen Sprachen übersetzt wird. Sogar ins Österreichische. Dieses Jahr hat das Red Bull Team mit Sebastian Vettel sogar die Chance auf die Weltmeisterschaft.

Und da sage einer, die Fahrer hätten nur Apfelsaft-Schorle oder Wasser in ihren Flaschen. Spätestens bei der anschließenden Pressekonferenz haben sie dann alle eine Flasche mit einem roten Bullen aufgedruckt. Und sie saugen an den Strohhalmen, um mehr Zeit für intelligente Antworten auf dumme Fragen von Journalisten zu haben. Oder war es umgekehrt?

Und deshalb wundere ich mich auch nicht mehr, dass junge Leute an der Tanke noch rasch einen “Sixpack” Roter-Bulle in Kombination mit einer Stange Deutsche Morlbara kaufen, bevor sie innerhalb einer Nacht von Deutschland nach Frankreich zur Tour de France oder zum F1-Grand Prix, und übermorgen dann wieder zurück, “geistern”. Ist das etwa kein Doping?

Auch im Fußball startet der “Brausehersteller” durch: Der fünftklassige R(ed) B(ull) Leipzig in Markranstädt will es mit Sponsorengeldern der TSG Hoffenheim gleichtun.

Und spätestens jetzt wecke ich meine Partnerin auf der Couch und frage zärtlich, ob sie noch ein Gläschen Champagner haben möchte, bevor wir zu Bett gehen. (Ist das kein Doping?)

Offensichtlich halten wir uns alle nicht mehr an (Spiel-) Regeln. Einige kennen die Regeln nicht, andere verstoßen bewusst dagegen, wieder andere behaupten, die Regeln wären falsch oder unvollständig.  Ob Banker, Politiker oder Top-Manager, Auto- oder Radfahrer, Fuß- oder Handballspieler, Eisschnellläuferinnen oder Gewichtheber, nichts scheint unmöglich. Im Zweifelsfall werden eben die (Schieds-) Richter beeinflusst.  Oder die Bankenaufsicht (in den USA?). Auch dadurch haben Juristen weltweit Hochkonjunktur, das hilft uns (nicht wirklich) weiter.

Dafür ist Knigge wieder in. Um wenigstens den Schein zu wahren.

Wenn Sie sich ernsthaft Sorgen um die Unternehmenskultur in Ihrem Unternehmen machen bzw. Ihre formulierten und impliziten Spielregeln überprüfen wollen, sollten Sie Verbindung mit uns aufnehmen. Wir haben geeignete Instrumente, um eine Vertrauenskultur aufzubauen. Allerdings müssen vertrauensbildende Maßnahmen glaubwürdig vermittelt werden, Appelle in der Krise bewirken häufig das Gegenteil. confidence bedeutet sowohl “Selbstvertrauen” als auch “Zuversicht“. Wir empfehlen Zivilcourage, auch wenn es (uns) manchmal weh tut.  Worauf warten Sie noch?

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